Der erste Teil dieses Beitrags zum Jubiläum 100 Jahre Zollvertrag kann hier nachgelesen werden: Link
Zwischen der Schweiz bzw. der Region Werdenberg und Liechtenstein existieren zehn Brücken, die den Rhein und somit auch die Grenze überqueren: zwischen Trübbach und Balzers die Fussgänger- und Velobrücke sowie wenige Hundert Meter davon entfernt die Brücke für den motorisierten Verkehr; die Verkehrsbrücke, welche die Zentren von Sevelen und Vaduz verbindet; gleichenorts die noch einzige Holzbrücke am Rhein; zwischen Buchs und Vaduz die jüngste Rheinbrücke, die 2019 eröffnete Fussgänger- und Velobrücke; zwischen Buchs und Schaan die Eisenbahnbrücke, die Verkehrsbrücke und die sogenannte Dampfleitungsbrücke für Velofahrende und Fussgänger; die Verkehrsbrücken zwischen Haag und Bendern sowie Sennwald und Ruggell.
Nie realisiert werden konnte die Idee einer Hängebrücke zwischen Weite und Triesen, diese wurde nämlich 2003 vom Wartauer Stimmvolk abgelehnt.
30 Jahre später scheint sich die Situation wieder etwas eingetrübt zu haben. Der Grabser FDP-Kantonsrat Christian Lippuner hat in der vergangenen Aprilsession im St. Galler Kantonsrat eine Interpellation mit dem Titel «Jubiläum Zollanschlussvertrag Liechtenstein 1923 – Zeit für ein Fazit» eingereicht.
Die Verflechtungen zwischen der Schweiz und Liechtenstein sind eng und vielfältig, nicht nur auf wirtschaftlicher, sondern auch auf gesellschaftlicher und zwischenmenschlicher Ebene, hält Christian Lippuner fest.
Doch die politische Entwicklung der letzten Jahre lasse vermuten, dass die Beziehungen zwischen den beiden Ländern «eher abgekühlt» seien.
Das führt er vor allem auf den Aufbau administrativer Hürden auf beiden Rheinseiten zurück. Die «sukzessiv erschwerte Erbringung grenzüberschreitender Dienstleistungen» habe die Gemütslage von Gewerbe und Bevölkerung stark erhitzt.
Weiter erwähnt der Freisinnige auch die Spitalplanung, in der sich eine zunehmende Distanzierung zwischen Liechtenstein und St. Gallen widerspiegle.
Neben dem grenzüberschreitenden Handwerksverkehr auch im Steuerbereich. Unüberhörbar war der Aufschrei im Kanton St. Gallen und speziell im Werdenberg, als eine Quellensteuer für rund 12 000 Arbeitnehmende aus der Schweiz eingeführt werden sollte.
Liechtenstein konnte sich jedoch beim Abschluss eines Doppelbesteuerungsabkommens mit der Schweiz im Jahr 2016 nicht durchsetzen.
Auch heisst es in der Studie: «Über 100 Abkommen dokumentieren die vielfältige Verflechtung der beiden Länder. Doch wer die politischen Debatten in den letzten Jahren verfolgt hat, wird den Eindruck nicht los, dass in der jüngeren Geschichte etwas Sand ins Getriebe geraten ist.»
Zahlreiche Verbindungen auf diversen Ebenen
Brücken bzw. Verbindungen anderer Art gibt es zuhauf. Auf Planungsebene agiert seit 2009 der Verein Agglomeration Werdenberg-Liechtenstein. Mitglieder sind die sechs Gemeinden der Region Werdenberg und die Gemeinde Sargans, die elf Gemeinden des Fürstentums Liechtenstein sowie der Kanton St. Gallen und das Land Liechtenstein. Weiter gibt es den Verein Werdenberg-Liechtenstein, der sich um gesellschaftliche Beziehungen kümmert. Auch gibt es den Kaufmännischen Verband, dieser Berufsverband setzt sich für die Interessen des Personals hüben und drüben ein. Und seit über 50 Jahren gibt es die Organisation Junge Wirtschaft Liechtenstein Werdenberg (JCI).Doch nicht nur wirtschaftlich ist man eng verflochten, auch in kultureller und sportlicher Hinsicht bestehen wichtige Verbindungen. So gibt es das Orchester Liechtenstein-Werdenberg, die Zweiländermusik Liechtenstein-Werdenberg oder den Handballclub Buchs-Vaduz. Auch gibt es viele Brücken der Liebe, die « über den Rhein» entstanden sind. Doppelbürgerschaften im Werdenberg und in Liechtenstein sind nicht selten. Und mehrere Tausend Werdenbergerinnen und Werdenberger arbeiten in Liechtenstein. Das Land hat heute mehr Arbeitsplätze als Einwohnende – wo gibt es das sonst?
Verkehrsbrücke zwischen Trübbach und Balzers, im Hintergrund Schloss Werdenberg, das Wahrzeichen der südlichsten Liechtensteiner Gemeinde.Bild: Armando Bianco
Ein Feuer sorgte für grosse Verärgerung
Natürlich gab und gibt es auch Trübungen der Freundschaft beider Länder. Man erinnere sich an den grossen Waldbrand in Balzers im Jahr 1985, der durch einen Blindgänger der Schweizer Armee ausgelöst wurde. Diese hatte – trotz eines gewaltigen Föhnsturms – Übungen auf Bündner Boden durchgeführt. Das wurde vom damaligen Balzner Vorsteher Emanuel «Mane» Vogt – kein Mann der scheuen Worte – als verantwortungslos taxiert und beim Zusammentreffen mit Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz kritisiert. Dieser hatte fünf Tage nach dem Ereignis eigens den Weg nach Liechtenstein angetreten, um sich den enormen Schaden anzusehen und sich für das Verhalten seiner Armee zu entschuldigen, dabei aber ein etwas unbeholfenes Bild abgegeben, wie in Medienberichten im Nachgang zu lesen war.
Staatsgrenze zwischen Liechtenstein und der Schweiz: Blick von Balzers in Richtung St. Luzisteig im Kanton Graubünden.Bild: Armando Bianco
Grabser Kantonsrat sorgt sich um die Beziehungen
Einen festen Platz in den Geschichtsbüchern beider Länder hat der EWR-Beitritt des Fürstentums. Die heftigen und spannungsgeladenen Diskussionen vor der wegweisenden Abstimmung im Jahr 1992 erwiesen sich im Nachgang als unnötig. Rückblickend profitierte Liechtensteins Wirtschaft von diesem Schritt enorm. Dass es das Ländle wagte, aus dem Rucksack der grossen Schwester Schweiz zu klettern und in einem Sololauf dem Konstrukt beizutreten, sorgte in der Schweiz für Erstaunen. Fürst Hans-Adam II. war derjenige, der sich in der Öffentlichkeit vehement für den Beitritt einsetzte und mit Zuversicht und Weitblick jedem innenpolitischen Sturm entgegentrat. Er befürchtete, dass, sollte die Schweiz vor seinem Land an die Urne treten, bei einem Nein auch Liechtenstein dem EWR absagen würde. Kurze Zeit nach Liechtenstein sagte die Schweiz tatsächlich (hauchdünn) Nein zum EWR.
Die mit Solarpanels bestückte Verbindung zwischen Haag und Bendern.
Bild: Armando Bianco
Sand im gut geschmierten Getriebe entdeckt
Die Stiftung Zukunft.li hat unlängst einen ausgiebigen Blick auf die Situation geworfen – und dabei in der Studie mit dem vielsagenden Titel «Eine gute Freundschaft – auch mit Ecken und Kanten» Risse im Bild festgestellt. Vor allem seit dem im Jahr 1995 vollzogenen EWR-Beitritt Liechtensteins wurden die Reibungsflächen grösser.
Die jüngste aller Brücken: Die Dampfleitungsbrücke zwischen Buchs und Schaan.
Bild: Armando Bianco