«Cartoons sind meine Kinder»: Wie der Berliner Andreas Brandt die Ostschweiz zum Lachen bringt | W&O

Ostschweiz 10.03.2025

«Cartoons sind meine Kinder»: Wie der Berliner Andreas Brandt die Ostschweiz zum Lachen bringt

Seit vielen Jahren erheitert der Berliner Cartoonist Andreas Brandt mit seinem Comicstrip «Tierische Zeiten» die Leserinnen und Leser dieser Zeitung. Woher nimmt er seine unerschöpflichen Ideen – und wie ist es, als deutscher Künstler für ein Schweizer Publikum zu zeichnen?

Von Aline Thanh Fuhrer
aktualisiert am 10.03.2025
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Die Hand fliegt blitzschnell und mit Sicherheit über das Papier. Aus einzelnen Strichen entstehen erste Skizzen, daraus später fertige Cartoons. Es ist die Hand von Künstler Andreas Brandt. Er steht hinter der Comic-Serie «Tierische Zeiten», welche täglich in dieser Zeitung abgedruckt wird.

Seit 2012 erfreut Brandt die Leserschaft damit jeden Tag aufs Neue. Die Illustrationen bestehen aus ein bis vier Bildern, zeigen tierische Figuren mit menschlichen Zügen und sind voller Humor. Mit seinen Zeichnungen möchte der 61-Jährige vor allem eines bewirken: «Den Lesern eine Auszeit von all den schwer verdaulichen News bieten. Und sie ganz einfach zum Schmunzeln bringen.»

Von verspielten Hühnern...
Von verspielten Hühnern...
zvg/ Andreas Brandt

Liebevolle Reaktionen aus St. Gallen

Der Künstler wird von Rückmeldungen auf seine Werke regelrecht überflutet. Am meisten Feedback erhalte er aus der Schweiz. «Ich bekomme nirgendwo so viel und liebes Feedback wie aus dem Raum St.Gallen», sagt er. «Manchmal habe ich bei Anrufen ein wenig Schwierigkeiten damit, das Schweizerdeutsch zu verstehen», sagt er und schmunzelt.

Doch er freut sich ausgesprochen über die Nachrichten und ruft dazu auf, ihm persönlich zu schreiben oder anzurufen. Unter seinen Fans steche besonders ein Junge hervor, der jeden Tag die «tierischen Zeichnungen» ausschneide und in ein Album klebe. Auf Anfrage der Mutter hin habe Brandt ihm dann eine persönliche Nachricht geschickt, über die sich der junge Fan sehr gefreut habe.

Eine andere Leserin wollte ihn unbedingt zu sich nach Hause zum Essen einladen. «Ich mag die Schweizer und zeichne gerne für sie. Alle sind so herzlich», sagt der Cartoonist. Brandt gefalle die Schweizer Landschaft und insbesondere der Appenzeller Käse. «Ein Fondue habe ich aber noch nie gegessen», sagt er und lacht.

13 Jahre «Tierische Zeiten»

Die Cartoon-Serie «Tierische Zeiten» des Berliner Künstlers Andreas Brandt erscheint seit 2012 in allen Ausgaben des Tagblatt-Verbunds. In einer Umfrage unter den Leserinnen und Lesern hatte sich der Cartoon gegen verschiedene Mitbewerber durchgesetzt. «Tierische Zeiten» erscheint zudem in der Aargauer Zeitung. Der Comicstrip findet sich täglich auf der Denksport-Seite. (afu)

Von Kunsthochschulen abgelehnt

Für eine einzelne Zeichnung der Serie «Tierische Zeiten» benötigt der Künstler etwa drei Stunden.
Für eine einzelne Zeichnung der Serie «Tierische Zeiten» benötigt der Künstler etwa drei Stunden.
zvg/Andreas Brandt

Brandt zeichnet seit seiner Kindheit. Er versuchte sich in Malerei mit Aquarell-, Pastell- und Ölfarben, doch schnell kristallisierte sich heraus, dass ihm die Cartoons am besten liegen. Damals inspirierten ihn Comics wie «Das Lustige Taschenbuch», Lucky Luke oder Asterix, die er jeweils nachzeichnete. «Ursprünglich hatte ich noch die Idee, Comedian zu werden, doch das Zeichnen lag mir näher», sagt er.

Dann bewarb er sich an Kunsthochschulen, wurde aber abgelehnt – ganze drei Mal. «Ich war unglaublich enttäuscht und fragte dann beim letzten Mal nach, warum ich nicht aufgenommen wurde», sagt er. Die Antwort der Kunsthochschule lautete darauf: Er habe sich bereits zu sehr auf Comics spezialisiert und solle es als Selbstständiger versuchen. Was er dann auch tat. Tagsüber zeichnete er, nachts arbeitete er als Taxifahrer. Nach knapp einem Jahr, mit 21 Jahren, war sein erstes Comic-Buch fertig. Es war sein Durchbruch. Zuerst arbeitete er bei Werbeagenturen im Bereich Merchandising und zeichnete für Disney, Pippi Langstrumpf und das deutsche Sandmännchen.

«Stehe erst auf, wenn ich alle Ideen habe»

Danach entwickelte er eigene Serien. Heute arbeitet er für über 70 Zeitungen und Zeitschriften im ganzen deutschsprachigen Raum, davon allein rund 20 in der Schweiz. Neben seiner Serie «Tierische Zeiten» führt er auch eine unter dem Namen «Neue Zeiten». Darin greift er aktuelle Trends auf. «Am liebsten zeichne ich aber Tiere. Ich nutze sie, um menschliche Schwächen zu zeigen. So wie es früher die Fabeln taten», sagt er.

Von seinem Balkon aus hat er eine schöne Aussicht über die Dächer Berlins. Sie dient ihm mitunter als Inspiration, auch für die «Tierischen Zeiten». Die Entstehung seiner Strips beginnt immer ähnlich: Als erster Schritt sei Brainstorming wichtig. In seinem Atelier hängen unzählige Zettel an der Wand. Skizzen, die er weiterverwendet, und Skizzen, die im Müll landen. Aber die Ideen würden ihm nicht einfach zufliegen, «wie man es bei einer künstlerischen Muse vielleicht annimmt».

Viel eher sieht es so aus: «Ich nehme mir einen Tag vor, dusche kalt und klopfe mir deutlich auf die Brust», sagt der Künstler, «dann setze ich mich mit Blatt und Stift bewaffnet ins Bett und stehe erst auf, wenn ich alle – zwischen zehn und zwölf – Ideen habe». Dabei versuche er, die Verbindung zwischen Mensch und Tier zu schaffen und aktuelle Themen zu integrieren. Oft kommt ein weisser, kleiner Hund namens Oskar in der Serie vor.

Die ganze Ideenfindung könne bis zu sieben Stunden dauern. Eine Künstlerblockade erlebe er aber so gut wie nie. Dann geht es weiter mit konkreten Zeichnungen aus Filzstift und der digitalen Koloration. Für die gesamte Produktion einer einzelnen Ausgabe der «tierischen Zeiten» braucht er etwa drei Stunden. Seine fertigen Illustrationen signiert er dann jeweils mit dem Spitznamen «Sebby».

Väterliche Gefühle für seine Werke

Eines muss er jedoch immer mehr beachten: «Die Leserschaft ist sehr empfindlich geworden. Gags, die ich vor zehn Jahren noch machen konnte, würde ich mich heute nicht mehr trauen.» Bei den Zeichnungen für die Schweiz müsse Brandt zudem besonders Details berücksichtigen; Franken statt Euro und umgekehrte Schulnoten etwa.

Die Cartoons haben bei Brandt einen ganz besonderen Platz im Herzen. «Sie sind für mich wie Kinder. Die Ideen werden in meinem Kopf geboren, die Zeichnung davon vergleiche ich mit einer Geburt», erzählt er. Wenn die Bilder dann in Zeitschriften abgedruckt werden, fühle es sich so an, als würden seine «Kinder» zur Schule gehen. «Ich habe fast schon väterliche Gefühle für meine Werke», sagt er. Brandt hofft, dass er mit seinen herzigen Cartoons auch in Zukunft den Leserinnen und Lesern ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann – als kleine Oase der Freude inmitten einer oft tierisch verrückten Welt.