In der Fischzuchtanlage sind alle Fische tot.Diese schockierende Nachricht erreichte Christian Schwendener, Vorstandsmitglied des Fischereivereins (FV) Werdenberg, am vergangenen Samstagmorgen telefonisch. «Ich schluckte leer und hoffte, dass der Pensionär, der die Fische an diesem Morgen fütterte, masslos übertreibt.» Schwendener, der zur selben Zeit aufgrund der Hitze beim Notabfischen des Toldoweihers war, fuhr gleich zur Fischzuchtanlage am Böschengiessen.
Dort habe ich dann das Elend gesehen – einen weissen Teppich von toten Fischen.Rund 2200 Jungtiere im Alter von zwei bis fünf Jahren sowie 2500 bis 3000 Muttertiere verschiedener Jahrgänge sind elendiglich an Sauerstoffmangel eingegangen. Ein kleiner Rest von höchstens 1000 Fischen hat überlebt.
Der Wassermangel beschäftigt seit Jahren
Doch was ist passiert? «In der Nacht von Freitag auf Samstag muss der Wasserstand des Böschengiessen plötzlich deutlich zurückgegangen sein», so Schwendener gegenüber dem W&O. Über den akuten Grund dafür kann er nur spekulieren. Jedenfalls hat die zu geringe Frischwasserzufuhr, gepaart mit den hohen Temperaturen und dem dadurch zu tiefen Sauerstoffgehalt im Wasser zum grossen Fischsterben geführt. Dass sich an der Wassersituation etwas ändern muss, das haben die Verantwortlichen des FV seit Jahren propagiert.Doch dass es so weit kommt, damit haben wir nie gerechnet.Die seit über 30 Jahren bestehende Zuchtanlage des FV Werdenberg wird seit jeher mit Wasser des Böschengiessens versorgt. Dieser wird durch das Grundwasser gespeist. Dass der Bach immer weniger Wasser führt, beobachten die Fischer seit rund zehn Jahren. Als Gründe dafür nennt Schwendener einerseits den sinkenden Grundwasserspiegel, aber auch Biber, die im Böschengiessen seit einigen Jahren etliche Dämme gebaut und aus dem einst fliessenden ein fast stehendes Gewässer gemacht haben. Zudem wurden im Einzugsgebiet des Bachs etliche Wasserentnahmen bewilligt, etwa für Industriebetriebe oder aber für die Landwirtschaft.
Christian Schwendener
Beim Kanton interveniert, doch passiert ist nichts
Die Fischer blieben nicht untätig, sondern intervenierten bei den zuständigen Ämtern des Kantons, dem Amt für Natur, Jagd und Fischerei sowie dem Amt für Wasser und Energie.Ich war an zahlreichen Sitzungen in St.Gallen, doch eine Lösung wurde bis anhin nicht gefunden. Zusammen mit Wildhüter und Ortsgemeinde wollte ich einen Augenschein vor Ort mit Pro Natura und WWF organisieren, doch die Umweltverbände sahen keine Dringlichkeit.

Nur noch in einem Graben hat der Fischereiverein Äschen.
Bild: Corinne Hanselmann
Die jüngsten Äschen wurden kürzlich freigelassen
Ein kleiner Trost: Die Verantwortlichen sahen kommen, dass für die Fische das Überleben in der Anlage in den kommenden Wochen schwierig wird. Vergangene Woche haben sie deshalb die jüngsten und empfindlichsten Äschen – die eigentlich für Verkauf und Weiterzucht bestimmt waren – im Werdenberger Binnenkanal freigelassen. «Der Binnenkanal, der Buchser Giessen und der Sevelerbach sind die einzigen Gewässer, in denen man derzeit noch mit gutem Gewissen Fische einsetzen kann», so Schwendener. Dank Löchern finden die Fische dort genügend Rückzugsorte.Es ist das passiert, was man vermeiden wollte
Gemäss Roter Liste gilt die Äsche in der Schweiz als gefährdet. Auch deshalb hat sich der FV Werdenberg einst entschieden, diese Art zu züchten. «Wir sind die einzigen in der Schweiz, die mit Muttertieren Äschen züchten», erklärt Christian Schwendener, der zusammen mit Marcel Göldi vor zehn Jahren die Verantwortung für die Fischzucht übernahm. Zu Spitzenzeiten in den 2000er-Jahren züchtete der FV Werdenberg bis zu 50'000 Äschen jährlich. In den vergangenen Jahren waren es deutlich weniger.
Nur knapp 1000 Fische haben überlebt.
Bild: Corinne Hanselmann
Einige hatten am Samstag Tränen in den Augen, als sie die toten Fische, die sie über Jahre gehegt und gepflegt hatten, zur Kehrichtverbrennungsanlage fahren und in die Kadaversammelstelle kippen mussten.«Wir haben jahrelang darauf hingewiesen, dass man etwas machen muss. Und jetzt ist genau das passiert, was wir vermeiden wollten», so Schwendener. Selbst wenn zum Zeitpunkt des Sauerstoff- und Wasserabfalls jemand vor Ort gewesen wäre, hätte man auf die Schnelle nicht viel machen können, da Pumpe und Belüftung bereits in Betrieb waren. Aus finanziellen Gründen ist eine Überwachungsanlage für die Wasserwerte keine Option. Die Anlage ist sonst schon nicht mehr selbsttragend.

Der Böschengiessen führt zu wenig Wasser.
Bild: Corinne Hanselmann
Zukunft der Äschenzucht ist sehr ungewiss
Den Schaden zu beziffern, ist schwierig. Während der finanzielle Wert der Fische vielleicht 15000 Franken betrage, sei der ideelle Wert dieser Zuchttiere unbezahlbar, so Schwendener.Wir hatten diesen Zuchtstamm über Jahre aufgebaut – diese Arbeit ist nun kaputt.Wie es nun weitergeht mit der Äschenzucht, ist laut Schwendener mehr als ungewiss.
Nur schon Leute zu finden, die noch Freude und Spass an dieser Arbeit haben, ist schwierig. Vielen ist es an diesem Wochenende vergangen.Es sei jetzt am Kanton, sich für die gefährdete Äsche einzusetzen. «Denn ohne Wasser können wir keine Äschen züchten. Und als Verein können wir nicht noch mehr machen. Aufwand und Ertrag stehen in keinem Verhältnis mehr. Wir haben jetzt noch einen kleinen Rest von höchstens 1000 Fischen. Wir tun alles, um diese zu erhalten.» Ansonsten bleibe eigentlich nur noch, die Anlage zu schliessen oder einen Strich unter die Äschenzucht zu machen und die Becken als Umschlagplatz für Bach- und Regenbogenforellen zu nutzen, bevor diese in Gewässer eingesetzt werden.